— Bd. I · Heft 03 · Mai 2026 —
Bd. I · Heft 03 · Mai 2026 $ cat ./rack.md (I.III)

Rack

# Magazin für Webhosting, Server-Infrastruktur und Domain-Welt DACH

← Magazin 22. Mai 2026
Hosting · 18 min

European Cloud Sovereignty — wo Gaia-X im siebten Jahr steht

Sieben Jahre nach dem Münchener Auftakt 2019 ist Gaia-X zwischen technischer Spezifikations-Arbeit und politischem Wunschdenken zerrieben. Eine Bestandsaufnahme der europäischen Hyperscaler-Alternativen im Frühjahr 2026.

Sieben Jahre sind eine lange Zeit für ein Infrastruktur-Projekt, das mit dem Versprechen angetreten ist, die europäische Daten-Souveränität in einem überschaubaren Zeitfenster neu zu vermessen. Als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im Oktober 2019 in Dortmund den Begriff Gaia-X einführte, sei die Erwartung eine doppelte gewesen: ein politisches Signal in Richtung Brüssel und Washington, dass Europa die Hyperscaler-Frage selbst beantworten wolle, sowie ein technischer Stack, der diese Antwort konkret machen würde. Beides hat sich anders entwickelt, als die ursprünglichen Pressemitteilungen vermuten ließen.

Die Ausgangslage des Jahres 2026

Die Marktanteils-Zahlen für das Jahr 2025 ließen wenig Interpretationsspielraum: Amazon Web Services halte global gesehen rund 32 Prozent des Public-Cloud-Markts, Microsoft Azure liege bei rund 22 Prozent, Google Cloud Platform habe sich bei 11 bis 12 Prozent eingependelt. Zusammengenommen kontrollierten die drei US-amerikanischen Hyperscaler also rund zwei Drittel der weltweiten Cloud-Compute-Welt. Die Zahlen für die DACH-Region weichen davon nur unwesentlich ab — wer in Frankfurt, Wien oder Zürich eine produktive Cloud-Workload betreibe, der habe mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens einen US-Vertrag im Schrank.

Die europäischen Alternativen seien in diesem Bild nicht abwesend, sondern in einer schwer messbaren Mittelposition. Hetzner Cloud aus Gunzenhausen, seit Juli 2018 am Markt, habe sich als Preis-Leistungs-Champion in der entwickler:innenorientierten Mittelschicht etabliert. OVHcloud aus Roubaix mit ihrer Notierung an der Euronext Paris seit Oktober 2021 sei der größte europäische Cloud-Anbieter mit eigener Datacenter-Tiefe. Scaleway, zur französischen Iliad-Gruppe gehörend, decke einen ähnlichen Markt ab. Die Open Telekom Cloud (OTC) auf OpenStack-Basis ziele auf das Enterprise-Segment, das einen deutschen Vertragspartner mit ADV-Tauglichkeit benötige.

Die Frage sei nicht, ob europäische Cloud-Anbieter technisch konkurrenzfähig seien — sondern ob sie das Ökosystem-Tempo der Hyperscaler mitgehen könnten.

Die Gaia-X-Architektur im Stand 2026

Gaia-X selbst sei nie als Hyperscaler-Klon geplant gewesen. Die Brüsseler Verbands-Architektur (Gaia-X AISBL, gegründet im September 2020 mit Sitz in Brüssel) habe sich vielmehr als Föderations-Layer verstanden: ein gemeinsames Vokabular, ein gemeinsames Identity- und Trust-Framework, eine Self-Description-Sprache für Cloud-Services, die es Kund:innen erlauben sollte, Anbieter:innen zu vergleichen und in Compliance-Fragen abzusichern.

Diese Architektur sei im Jahr 2026 in mehreren Bausteinen produktiv:

  • Der Gaia-X Trust Framework in Version 22.10 (mit inkrementellen Updates) als Regelwerk für Self-Descriptions und Konformitäts-Stufen.
  • Die Gaia-X Digital Clearing Houses (GXDCH) als zertifizierende Instanzen für Self-Descriptions, mit aktiven Knoten in Frankreich, Deutschland, Spanien und den Niederlanden.
  • Die Federation Services (XFSC) als Open-Source-Stack auf der Eclipse Foundation, der die Föderations-Logik in produktiven Code übersetze.

Was Gaia-X nicht sei: ein konkretes Cloud-Compute-Angebot, das Admin:innen über eine API ansteuern könnten. Diese Trennung sei in den ersten Jahren des Projekts schwer kommunizierbar gewesen — der Begriff „europäische Cloud” suggeriere für viele Beobachter:innen eine direkte AWS-Alternative, die Gaia-X strukturell nicht sein wolle.

Die Hyperscaler-Mitgliedschaft als Reibungspunkt

Eine der frühen Kontroversen des Projekts sei die Mitgliedschaft der US-Hyperscaler in der Gaia-X AISBL gewesen: AWS, Microsoft, Google, Alibaba und Huawei seien 2020/2021 alle als Mitglieder beigetreten. Die Kritik aus der europäischen Mittelschicht (kleinere Cloud-Anbieter, Verbände wie EuroCloud) sei gewesen, dass damit die strukturelle Ausgangsfrage — wie man europäische Souveränität gegen US-Dominanz absichere — von innen verwässert werde.

Die Befürworter:innen-Position der Gründungsjahre habe darauf verwiesen, dass ein Föderations-Framework nur dann Wirkung entfalte, wenn es alle relevanten Marktteilnehmer einschließe — eine reine Inseleuropa-Lösung würde an der Realität der Kunden-Verträge vorbeigehen. Im Lauf der Jahre habe sich diese Position abgeschwächt: Einzelne Hyperscaler hätten ihre aktive Mitarbeit reduziert, die operative Arbeit liege heute überwiegend bei den europäischen Mitgliedern.

Hetzner Cloud als Praxis-Beispiel

Wer im DACH-Raum eine konkrete europäische Alternative zu AWS-EC2 oder Azure-VM suche, der lande mit hoher Wahrscheinlichkeit bei Hetzner Cloud. Das Gunzenhausener Unternehmen habe die Cloud-Sparte als reine Nebenlinie zur klassischen Dedicated-Server-Welt aufgebaut und sich dabei auf eine Handvoll Instance-Klassen konzentriert (CX-, CPX-, CCX-Reihen), die preislich deutlich unter den Hyperscaler-Listenpreisen lägen.

Der Trade-off sei klar: Hetzner Cloud biete keine 300 verwaltete Services, sondern eine überschaubare Plattform aus VMs, Volumes, Load Balancers, Object Storage (seit 2024 in der Beta-Phase, 2025 GA) und einer Kubernetes-Distribution. Wer eine Standard-Web-Workload betreibe, komme damit gut aus. Wer auf Managed-Postgres mit Cross-Region-Replication, serverless Compute oder ein vollintegriertes ML-Stack angewiesen sei, der finde diese Bausteine im Hetzner-Katalog nicht.

Die ehrliche Antwort auf die Souveränitäts-Frage laute oft: Es kommt auf die Workload an. Eine WordPress-Multisite läuft in Falkenstein genauso gut wie in Frankfurt-am-Main-AWS-eu-central-1. Ein verteiltes Vector-Datenbank-Cluster mit GPU-Inference-Tier nicht unbedingt.

Die OVHcloud-Trajektorie

OVHcloud sei in der europäischen Cloud-Diskussion ein Sonderfall: Mit über 40 Datacentern weltweit, eigener Hardware-Fertigung in Roubaix und einem Public-Stock-Listing seit Oktober 2021 sei das Unternehmen der ambitionierteste europäische Hyperscaler-Kandidat. Der Brand „Strasbourg” werde seit dem Datacenter-Brand vom 10. März 2021 in der Branche allerdings nicht mehr nur als Standort, sondern auch als Mahnmal verstanden — der Vorfall habe die Diskussion über Datacenter-Resilienz, Backup-Geografie und Multi-Site-Architektur in der DACH-Region nachhaltig geprägt.

Im Jahr 2026 habe OVHcloud die Lehren aus 2021 in eine konservativere Sicherheits-Architektur übersetzt. Die Bare-Metal-Sparte sei nach wie vor das Hauptgeschäft; die Public-Cloud-Sparte habe ihre OpenStack-Wurzeln zugunsten einer eigenen Control-Plane mehr und mehr abgestreift. Für deutsche Kund:innen sei die Frankfurter Anbindung (Datacenter „FRA1”) relevant, ergänzt um Standorte in Limburg und Gravelines.

Open Telekom Cloud und die Enterprise-Linie

Die Open Telekom Cloud (OTC) der T-Systems bediene ein anderes Marktsegment: Großkonzerne, öffentliche Verwaltungen und kritische Infrastruktur-Betreiber, die einen deutschen Vertragspartner mit klarem ADV-Profil benötigten. Die technische Basis (OpenStack mit Huawei-Beitrag) sei in den Anfangsjahren ein politischer Reibungspunkt gewesen; im Jahr 2026 sei die Huawei-Komponente weitgehend aus der Außenkommunikation verschwunden, technisch bestehe der Stack aber weiter.

Für die Frage nach europäischer Souveränität sei OTC ein gemischtes Bild: Der Vertragspartner sitze in Bonn, die Datacenter stünden in Magdeburg und Biere, die Compliance-Architektur sei BSI-C5-zertifiziert. Wer aber unter die Haube schaue, finde nach wie vor Software-Komponenten internationaler Herkunft. Die Frage, was „souverän” im Cloud-Kontext überhaupt heiße, sei in diesen Fällen weniger eine technische als eine vertragliche.

Die Schrems-II-Diskussion als Schatten

Die Souveränitäts-Diskussion in Europa lasse sich nicht von der Datenschutz-Frage trennen. Das Schrems-II-Urteil des EuGH vom 16. Juli 2020 (C-311/18) habe das Privacy-Shield-Abkommen zwischen EU und USA für unwirksam erklärt; das im Juli 2023 in Kraft getretene Trans-Atlantic Data Privacy Framework (TADPF) sei seither der Ersatz, gegen den eine erneute Klage des Schrems-Lagers bereits anhängig sei.

Für Hosting-Praktiker:innen bedeute diese Lage konkret: Die Frage, ob personenbezogene Daten auf einem US-Hyperscaler verarbeitet werden dürften, sei seit 2020 jedes Jahr neu zu bewerten — mit dem latenten Risiko, dass das nächste EuGH-Urteil die Vertrags-Grundlage wieder kippe. Die European Cloud Sovereignty sei in diesem Licht weniger eine ideologische Frage als eine pragmatische: Wer auf europäischen Anbietern aufbaue, der nehme einen ganzen Stapel vertraglicher Unsicherheiten aus dem Risiko-Register heraus.

Scaleway und die zweite französische Stimme

Neben OVHcloud sei Scaleway der zweite große französische Cloud-Anbieter. Aus dem Hosting-Spezialisten Online.net hervorgegangen, der zur Iliad-Gruppe (dem Mutter-Konzern hinter Free, einem der vier großen französischen Telekom-Anbieter) gehöre, habe Scaleway seit der Markenneuausrichtung 2015 eine technisch ehrgeizige Linie verfolgt: eigene ARM-Server der ersten Stunde (mit Marvell-basierten Instanzen bereits 2015), eigene Datacenter-Architekturen (DC2 bis DC5 in Paris und Vorortlage), eine Object-Storage-Implementierung, die auf S3-Kompatibilität setze, ohne unter S3-Lizenz zu stehen.

Im Stand 2026 betreibe Scaleway Datacenter in Paris, Amsterdam und Warschau, mit einer Kunden-Basis, die stark in der französischsprachigen Entwickler:innen-Welt und in der europäischen Mittelschicht verankert sei. Die DACH-Präsenz sei traditionell schwächer als die von Hetzner oder OVHcloud, was zum Teil mit der Sprach-Architektur der Konsole und Dokumentation, zum Teil mit dem Vertriebs-Fokus zusammenhänge. Wer als deutsches Unternehmen mit französischen Partner:innen arbeite, finde in Scaleway aber eine etablierte zweite europäische Option.

Die Kosten-Architektur im Vergleich

Ein wiederkehrender Reibungspunkt in der Souveränitäts-Diskussion sei die Frage der vergleichbaren Kosten-Architektur. Die Hyperscaler-Listenpreise und die Hyperscaler-Reseller-Rabatte führten in der Praxis zu Compute-Preisen, die bei großen Volumina (Enterprise-Verträge mit committeden Spend-Levels) deutlich unter den Listenpreisen lägen. Die europäischen Cloud-Anbieter:innen arbeiteten in der Regel mit transparenten Listenpreisen ohne ausgeprägte Volumen-Rabatt-Strukturen — was für die Mittelschicht günstiger sei, im Enterprise-Verhandlungs-Vergleich aber zum Nachteil werden könne.

Die zweite Kosten-Dimension sei der Egress-Traffic. AWS, Azure und GCP berechneten ausgehenden Datenverkehr aus ihren Regionen zu Tarifen, die für daten-intensive Workloads (Streaming, große Backups, Replikations-Architekturen) erhebliche operative Kosten verursachen könnten. Hetzner Cloud habe demgegenüber pro Instanz ein generöses inkludiertes Egress-Volumen (20 TB im Stand 2026) und berechne darüber hinausgehenden Traffic zu deutlich niedrigeren Tarifen. Diese Differenz sei in der Praxis oft das ausschlaggebende Argument für eine europäische Cloud-Wahl — vor der Souveränitäts-Frage und vor der Compliance-Frage.

Was 2026 fehlt — und was nicht

Sieben Jahre nach Gaia-X-Auftakt sei die ehrliche Bestandsaufnahme: Europa habe keinen vierten Hyperscaler hervorgebracht, und es werde aller Voraussicht nach auch in absehbarer Zeit keinen geben. Was es habe, sei eine Mittelschicht aus Cloud-Anbietern, die für einen großen Teil der Workloads ausreichten, plus ein Föderations-Framework, das die Compliance-Architektur professionalisiere.

Die Frage, ob das genüge, hänge davon ab, wessen Frage man stelle. Eine mittelständische E-Commerce-Plattform mit DACH-Fokus könne im Jahr 2026 ohne US-Cloud-Vertrag auskommen — die technische Basis dafür sei vorhanden. Ein KI-Startup, das auf die neueste GPU-Generation, auf serverless Inference und auf das volle Hyperscaler-Ökosystem angewiesen sei, finde diese Bausteine in Europa nur lückenhaft.

Die nächste Etappe der Diskussion werde sich aller Voraussicht nach an der KI-Infrastruktur entscheiden. Die EU-Kommission habe im Lauf der vergangenen Jahre mehrere AI-Gigafactory-Programme angekündigt; ob daraus produktive Compute-Kapazität für europäische Cloud-Anbieter werde, sei im Frühjahr 2026 noch offen. Die Souveränitäts-Diskussion verschiebe sich damit auf eine Ebene, auf der die ursprünglichen Gaia-X-Architekt:innen das Vokabular gerade erst entwickelten.


Ressort: Hosting